Der Anfang

Schon während der Schwangerschaft wurde meiner Mutter klar, dass sie es nicht leicht haben wird mit mir. Als zierliche Frau zeichnete sich ein riesiger Schwangerschaftsbauch unter ihren Kleidern ab und ein Kaiserschnitt war zeitig geplant. In einer Privatklinik auf der falschen Rheinseite kam ich in Köln-Mühlheim als vierter Sohn meiner Eltern zur Welt. Die Weichen für ein wonnepropiges Leben waren mit einer Körperlänge von 58 cm und einem Kampfgewicht von 10 Pfund gestellt.

Mit zwei Jahren trug ich bereits die abgelegten Hosen meines vier Jahre älteren Bruders. Bis zu meinem achten Geburtstag lebten wir in einer Bayer Siedlung am Kölner Stadtrand zu Leverkusen. Mein Vater war Ingenieur bei der damals größten Chemiefabrik im Rheinland und fuhr mit seinem Werksfahrrad zur Arbeit.

Unser erstes Familienauto war natürlich ein VW Käfer, wo ich in der Ablage hinter der Sitzbank meinen Platz hatte, wenn wir nach Bremerhaven zu den Großeltern gefahren sind. Im Stadtverkehr saß ich meistens bei meiner Mutter auf dem Schoß. Damals dachte keiner an Kindersitze und Airbags waren noch nicht erfunden, Sicherheitsgurte auf der hinteren Sitzbank waren noch nicht vorgeschrieben.

 

14.09.2009 – wieder eine Reise

Frankfurt, Terminal 1 Abflughalle, senator lounge. Ich warte auf das boarding meines Fluges nach Tokyo. Eigentlich nichts besonderes mehr fuer mich. Seit ueber 14 Jahren bereise ich beruflich Asien und andere Teile der Welt.

Aber etwas ist heute anders, ich fuehle mich leicht, so als ob meine Fuesse den Boden kaum beruehren und ich darueber schwebe. Warum denke ich gerade jetzt darueber nach, was in den letzten 48 Jahren meines lebens passiert ist?

Warum faellt mir gerade jetzt ein dass ich eigentlich linkshaender bin und ich im ersten schuljahr von rechts nach links, also in spiegelschrift geschrieben habe?

Damals wurde ich umerzogen und auf rechtshaender vergewaltigt. Ich glaube, damit fing es an.

Ich mochte nicht mehr zur schule gehen. Schreiben war schrecklich anstrengend und schmerzhaft. Die schrift war liderlich und kaum leserlich.

Meine freizeit wurde mir wichtiger. Da wir in einer bayer siedlung mit vielen kindern in der nachbarschaft gewohnt haben fiel es nicht schwer passende und unpassende spielkameraden zu finden. Natuerlich durften wir nicht mit den kindern von der anderen seite der schienen die durch das grosse feld hinter unserem 3 stoeckigen 6 Parteien Haus lag spielen. Das waren arbeiterkinder.

An den Gleisen habe ich oft mein Ohr aufgelegt um einen anrollenden Zug so frueh wie moeglich zu hoeren. Mein Opa muetterlicherseits war bei der reichsbahn.

Mein anderer opa war Kapitaen und seemann. Der hatte haende wie klodeckel. Eine riesen nase so wie ich sie wohl geerbt habe und immer ein beruhigendes und vertrauliches laecheln.

Ich glaube dass mein fernweh von beiden grossvaetern stammt. Ich liebte es immer auf dem weg zu sein. Bahnhoefe oder haefen und flughaefen aber auch alleine der blick auf das meer hat mich immer begeistert und eine magische anziehungskraft gehabt. .

Auf die wellen schauen und bis an den horizont blicken und nach einem schiff ausschau halten konnte mich stundenlang beschaeftigen. Natuerlich liebte ich auch die Piratenfilme und habe auch spaeter noch gerne Captain Hornblower gelesen.

Da ich der juengste von 4 Jungs war und meine Brueder 4, 7 und 9 Jahre aelter sind, wurde ich doch ziehmlich verhaetschelt. Ich war schon bei der Geburt 10 Pfund schwer und 58 cm gross. Da meine mutter nicht viel groesser war wurde ich per Kaiserschnitt auf die welt gebracht. Termingerecht und puenktlich.

Daran liegt es wohl dass ich zu spaet sein hasse und lieber 15 Minuten vorher ankomme als 1 Minute zu spaet.

Endlich. Eine etwas unterkuehlte weibliche stimme ruft den flug nach tokyo auf und bittet die senatoren lounge gaeste zum einsteigen. Leichten fusses gehe ich leise in mich hineinlaechelnd und meinen Gedanken nachhaengend die Gangway hinunter. Die anderen Fluggaeste nehme ich gar nicht so richtig war.

I’m flugzeug angekommen finde ich meinen sitzplatz 21 A am fenster, die letzte Reihe vor der Economy Class.

Dort In der Mittelsitzreihe hat sich eine dunkelhaeutige, schwarzhaarige und bunt gekleidete familie niedergelassen – vater, Mutter und 2 toechter – vielleicht 7 und 9 Jahre alt. Vermutlich stammt diese familie irgendwo aus dem mittleren osten oder so – aber was machen die in Japan?

Fuer den wohlverdienten urlaub wird sicherlich keine familie nach Japan fliegen und diese familie sieht auch nicht sehr wohlhabend aus – obwohl die zarten gesichtszuege der frau schon eine edle herkunft ausstrahlt.

Nun ja, was geht es mich an. Ich setze mich und mache es mir gemuetlich so gut es geht.

Cattle class nennen es Peter and Marion, Freunde in den 80zigern, lustige in Australien lebende und kettenrauchende Englaender mit schwarzem Humor und schlagfertiger Offenheit. Alle Zwei jahre kommen sie nach Europa und seit 10 Jahren verbringen sie auch immer ein paar tage bei uns – uns ? – wer ist Uns? Ich kann es mir noch nicht abgewoehnen, dieses UNS.

UNS gibt es nicht mehr, jetzt heisst es mir und mein und so – dabei war es mal egal, mein und mir – so egal dass ich eine sichere und wohlhabende Zukunft aufgegeben habe, meine Kinder I’m Stich gelassen und die Mutter ihrem schicksal ueberlassen habe. Sicher – gezahlt habe ich immer und sicherlich gab es keinen materiellen Mangel fuer die ehemals geliebten – aber mich halt nicht mehr in anwesender Person. Ich hatte der Liebe wegen alles aufgegeben, wegen einer Illusion der perfekten Partnerschaft.

Absolutes gegenseitiges Vertrauen, kompromissfaehigkeit, Offenheit und Diskussionsfaehigkeit – die Ideale einer persoenlichen Beziehung gepaart mit beidseitger sexueller Befriedigung und voller Harmonie, zumindest zu Beginn und dann eine ganze Weile. .

Diese Illusion ist mit dem Fortschritt des Lebens und der Herausforderungen des taeglichen Lebens verblichen. Es scheint eine magische Zeitspanne von 10 Jahren in meinem Leben zu geben – oder 12 Jahre?

1986, Als ich von meinem selbstfindungstrip aus Australien wieder zurueck nach schildgen kam, lernte ich die Mutter meiner zukuenftigen Kinder kennen und wir heirateten 1988.

1996, Als ich fuer die Bayer AG eine Marktstudie in Indien vor Ort durchfuehrte, lernte ich die Illusion des perfekten Partners kennen. 1997 verlies ich das materiell abgesicherte Familienglueck fuer die Illusion der wahren Liebe.

12/1998 Scheidung von der Mutter der Kinder und 9 Tage spaeter Heirat der Illusion.

2009 wird in die Geschichte meines Lebens als mein Jahr der haertesten Erfahrungen eingehen. Erst feiern wir I’m grossen Stil die 10 Jahre unserer Ehe, reisen mit 6 Personen nach Brasilien und laden die Familie und Freunde ein fuer eine Feier die sich keine 3 Monate spaeter als farce herausstellt

Dann stirbt mein Vater an selbstaufgabe – er konnte meiner dementen Mutter nichts mehr entgegensetzen und ihrer aggressionen gegen ihn nicht mehr standhalten – und kurz danach teilt mir die Illusion mit, dass sie sich in Luft aufloest und eigentlich nichts anderes war als das bereits bekannte Versionen einer Beziehung.

Nichts besonderes – halt eine gute Zeit und Stress und Spass und meistens guten Sex gehabt, viel gelernt und dann kein Bock mehr – aber mitnehmen was geht und sich noch irgendwie moralisch vertreten laesst aber rein rechtlich einem sowieso mindestens zusteht. Eigentlich muss man sich noch gluecklich schaetzen wenn die Moral noch zieht.

Wenn die Illusionen verblassen kommen die tatsaechlichen Werte zum tragen. Alles was man zaehlen, messen und wiegen kann. Jetzt weiss ich auch warum ich eine kaufmaennische ausbildung gemacht habe.

Die illusion geht und moechte bilanz ziehen. Was wurde gemeinsam erreicht? Was war der Anfangsbestand, was ist der Bestand am Stichtag?

Davon bitte die Haelfte – egal, ob in dieser Zeit der eine viel Zeit fuer ein Studium und fuer seine Zukunft genutzt hat, waehrend der andere seinen Arsch fuer die Kohle aufgerissen hat, auf familienleben und jeglichen Sex waehrend der teilweise wochenlangen Auslandsreisen verzichtet und nur fuer die gemeinsame zukuenftige finanzielle unabhaengigkeit gelebt hat – mit der wohlwollenden unterstuetzung sowie dem einverstaendnis der Illusion.

Natuerlich – dann gabe es ja viele Freiheiten und ein komfortables Leben ohne kompromisse schliessen zu muessen.

Welchen Anteil kann man geltend machen fuer verzicht? Fuer die Stunden des Korrekturlesens und noch besser der Formulierung von Teilen der Diplomarbeit der Illusion? Welche Zinsen und Zinseszinsen stehen dafuer in der Bilanz?

Was bedeutet Fairness bei einer Trennung? Ruecksicht auf die leistungen des anderen? Auf die Kinder? Auf die Zukunft? Welche und wessen Zukunft denn?

Waere es fair zu seinem Wort zu stehen? Als die vollkommende Illusion die Bedenken gegen eine Heirat mit dem vielversprechenden und illusorischen Satz „ich bin mit meinem Rucksack gekommen und werde damit auch wieder gehen“ wegwischt.

Ich fuer mich habe mein leben gelebt, bin 2 mal einer Illusion aufgesessen und habe 25 Jahre meines Lebens damit vebracht, es den Illusionen recht zu machen und Verantwortung zu uebernehmen.

Mein Vater hat es auf ueber 50 Jahre gebracht und stand zu seiner Verantwortung. Dann hat er aufgehoert zu essen, einfach so – und ist letztendlich verhungert.

Verhungern werde und will ich nicht. Meine verantwortung trage ich gegenueber meinen Kindern fuer die naechsten Jahre, bis sie soweit gereift sind, selber Verantwortung fuer sich zu uebernehmen – und fuer meine demente Mutter. Das wars dann.

Ich werde mein Leben geniessen und nageln was zu nageln geht und solange es geht. Ich werde das angenehme mit dem unausweichlichen verbinden und geniessen.

Die beiden schwarzhaarigen Maedchen sind irgendwie zappelig und noergeln permanent.

Die Einweisung in den Umgang mit Gurt, Rettungsweste und der Atemmaske fuer den eigentlich nicht moeglichen Fall des Druckverlustes in der Kabine wurde gerade beendet als sich das Flugzeug mit Hilfe des Bodenwagens Richtung Runway bewegt.

Ein kurzer Ruck ging durch die Maschine und die langen schwarzen Haare der beiden Maedchen flogen gegen die Bewegung des Kopfes hin und her.

Am Hals des kleineren Maedchen konnte ich eine breite Narbe erkennen. Sehr wulstig und breit. Scheint nicht von einem facharzt behandelt worden zu sein sondern nahezu stuemperhaft verarztet worden zu sein.

Ich schliesse die Augen und beginne davon zu traeumen was dem Maedchen widerfahren war dass es diese schrecklich haessliche Narbe erhielt. Als ich gerade sah wie ein Araber mit einem teuren Pferd in ein Dorf einreitet und seinen saebel schwingend ruft dass er alle toechter des dorfes unter 10 Jahren zaehlen und sehen moechte. Ging ein ruck durch das Flugzeug als es zum start auf der rollbahn vollen schub erhielt. Ich wurde in den sitz gedrueckt und sah trotz geschlossener augen wie die dorfbewohner aengstlich waren und zusammenzuckten bei jedem der worte des arabers auf dem edlen pferd. Es war der auserwaehlte und zustaendige Diener fuer des Scheichs Harem. Er waehlte die huebschesten und wohlgewachsendsten maedchen aus und brachte sie bei zeiten zum scheich zur endgueltigen auswahl und zur ausbildung in das harem.

Der vater der beiden madchen schickte beide toechter hinaus auf den dorfplatz zur begutachtung und zaehlung. Ueblicherweise gab es fuer die eltern der. Auserwaehlten maedchen eine reichliche entlohnung.

Der araber erwaehlte tatsaechlich die kleine aus – wohl wegen der grossen und hellbraunen augen – die so gar nicht zu den sonst eher schwarzwirkenden augen der anderen maedchen passten.

Das kleine maedchen wollte sich wehren und nicht mitgehen, strampelte und konnte sich doch nicht wehren.

 

Vorwort

In der Mitte meines Lebens stehend habe ich die Entscheidung getroffen, endlich mit dem Buch zu beginnen, welches seit bald 30 Jahren in meinen Gedanken herumschwebt.

Warum? Weil ich einfach glaube, den Menschen, die mich mein bisheriges Leben begleitet haben, auf diese Art und Weise meinen Dank, Anerkennung und meine Liebe zum Ausdruck zu bringen. Ohne sie wäre weder dieses Buch noch mein Leben so verlaufen, wie es bisher gewesen ist und ich wäre nicht Vater von drei Söhnen, die jeder für sich ein besonderes Kunstwerk sind und denen meine volle Liebe gehört.

Sicherlich ist jede individuelle Lebensgeschichte ein Buch wert und ich wünschte mir, dass mehr Menschen darüber schreiben, was sie so bewegt hat und durch welche Höhen und Tiefen sie gegangen sind, damit die interessierten Leser sich eventuell selber wiederfinden oder darüber nachdenken können, was sie in der einen oder anderen Situation gemacht hätten.

Eine ganz normale Lebensgeschichte